vampireofdeath

Über Borderline und Suizid. Mit Streuseln aus meinem ereignislosen Alltag.

„Points Of Authority“.

Liebe Leser,

viele, wenn nicht alle, von euch haben garantiert auch mitbekommen, dass Chester Bennington (der Sänger der Band Linkin Park)  im vergangenen Juli von „uns“ gegangen ist. Suizid. Noch immer hämmert der Gedanke daran brutal auf mein Herz.

Linkin Park war eine Band, die mich über viele, viele Jahre bis heute begleitet haben. Durch schwere Zeiten, durch schöne Zeiten. Durch Einsamkeit, durch Glück.
Zugegeben, ich habe zunächst vermehrt die Singles gehört und geliebt. Jetzt habe ich mich erst mit dem Rest der Alben -hauptsächlich Hybrid Theory- befasst und bin über ein Lied gestolpert: „Points Of Authority“. Beim Hören der Zeilen gefror mein Blut in den Adern und es schossen Flashbacks in meinen Kopf.

„You love the way I look at you
While taking pleasure
In the awful things you put me through“

Ich sehe diesen Moment seit Jahren immer wieder vor mir. Es war ein Samstag im sogenannten „Wochenendhaus“. Ich weiß nicht mehr genau, was der Auslöser war. Aber irgendwas hat R. wahnsinnig wütend gemacht. So wütend, dass er mich aufs Bett schmiss und zuschlug.

Seine Faust trifft mein Brustbein. Ich schreie.
Seine Faust trifft erneut. Ein erneuter Schrei.
Aus Schreien wird weinen, wimmern, flehen.
„Bitte, hör a..“ – „Halt’s Maul!!!“.
Mein Becken schmerzt, weil R. mit seinem ganzen Gewicht draufsitzt, damit ich nicht fliehen kann.
Ein Schlag.
Spucke in meinem Gesicht.
Schlag auf Schlag. Brust, Schulter, Arme. Alles Schmerzt.

Plötzlich eine Pause.

Dann sehe ich kurz zu ihm auf und sehe es. Dieses Blitzen in seinen Augen. Diesen blanken Hass. Dieses selbstzufriedene Grinsen, als das Spiel vorbei war.
Er hatte Spaß. Mission erfüllt!

Ich warte auf den nächsten Schlag, doch der bleibt aus. Stattdessen geht R. aus der Tür, lässt mich im Bett liegen.
Stumpf, taub vor Schmerz, müde. Innerlich tot. Wie immer in der Zeit.

„You like to think you’re never wrong
You have to act like you’re someone
You want someone to hurt like you
You want to share what you’ve been through“

Die Oberhand haben, das war (ist?) immer wichtig für dich. Du brauchtest das Gefühl, dass du der Herr bist. Die Macht hast. Du brauchtest deinen Untertanen.
Warum eigentlich? Was ist so schlimm daran, „normal“ zu sein?
Es ist simpel: so wurde es dir vorgelebt. Höher, schneller, weiter. Perfektion um jeden Preis. „Was denken bloß die Anderen?“ das Kredo.
Wenn du es wagtest von der Perfektion abzuweichen, wurdest du bestraft. Kein Mittagessen, Ignoranz, Kälte.

Als du mich trafst, hattest du endlich die Chance, all das selbst auszuleben. Jemanden ganz nach deinen Vorstellungen zu „erziehen“. Doch als du merktest, dass dein Opfer dir geistig überlegen war, zücktest du die Fäuste. Dir war klar, dass ich es nicht wagen würde, zurückzuschlagen.
Endlich warst du mal der Meister. Ein tolles Gefühl.
Jetzt, Jahre später, kann ich dir theoretisch nicht mal mehr böse sein, denn:

„You live what you’ve learned“

Letztlich bist du nur ein Opfer deiner Erziehung. Kein Mensch kommt hasserfüllt zur Welt. Ein Mensch entwickelt seinen Charakter erst.
Natürlich glaubst du daran, dass es wichtig und richtig ist, Menschen zu bestrafen, denn das hast du so gelernt. Im Prinzip tust du, deinem Verständnis nach, gar nichts böses.

Allerdings bin ich dir böse. Sehr.
Und es wird noch viele Jahre dauern, bis das vergeht.

Wenn überhaupt.

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Happy End, Teil zwei.


Hallo ihr lieben! 

Gut zwei Jahre sind ins Land gegangen und ich hoffe, es geht euch allen gut. Mir jedenfalls geht es so. 

Ich dachte, ich lasse euch wissen, dass es nach einem Happy End nicht zwangsläufig aufhört besser zu werden. Wie meine Mama immer sagt: „Es gibt immer noch eine Steigerung!“

Meine Steigerung heißt Joscha und ist im August geboren worden. Von mir. L. und ich sind Eltern. Wie unfassbar krass das ist. Einerseits das Elternsein an sich, andererseits die Tatsache, dass ICH ein Kind zur Welt gebracht habe. Ich. ICH! Whoa. 

Auch sonst hat sich viel getan. Das Studium hab ich abgebrochen, weil -jetzt kommts- mir die Altenpflege so derbe gefehlt hat. Nächste Woche fange ich nach zehn Monaten Zwangspause endlich wieder an zu arbeiten. Yay!

Was ich mit dem Post ausdrücken möchte: es gibt immer, immer, immer das Licht, für das es sich lohnt, gegen die Schwärze anzukämpfen. Auch ich kämpfe Tag für Tag gegen sie. Immer noch. Für immer. Aber mit L. an meiner Seite ist es um ein vielfaches einfacher. Und mit Joscha ist nun ein Grund da, der sich absolut nicht kleinreden lässt. (Obwohl meine innere Stimme auch da wieder Wege findet, mir nahe zu legen, mich umzubringen, weil er eine bessere Mutter verdient hätte und alle anderen glücklicher wären, bla.)

In diesem Moment liege ich auf dem Sofa, Joscha schnarchend auf meinem Bauch und L. in der Küche das Abendessen machend. Hätte mir jemand vor 5 Jahren gesagt, dass es eines Tages so wundervoll sein würde, hätte ich ihn ausgelacht. Aber: dieser jemand hätte Recht gehabt. Denn, auch wenn der Spruch in einer dunkelschwarzen Stunde so schrecklich anmaßend und blöd klingt, eines ist sicher:

Es wird besser. Garantiert. 
-Alicia

Happy End.

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Liebe Leser,
Dies ist mein letzter Beitrag in diesem Blog. Er hat mich zwei Jahre lang begleitet, war mein Fels in der Brandung und mein Ventil.

Seit 2012 durftet ihr an meiner Reise teilhaben. Ihr habt die Geschichte von Alicia erfahren, die durch die tiefen Krater der Borderline-Erkrankung tapste. Die eine lange Zeit durch die Hölle ging, als ihr Ex-Freund sie mit Schlägen und andauernder Demütigung an sich kettete.
Und die seit 2004 einen der wundervollsten Menschen der Welt bei sich hat: L.

L. hat mich von Beginn an aufgefangen. Egal wie schwer es war, egal wie sehr ich mich verletzte, egal wie ich anderen das Leben zur Hölle machte. Er war immer da. Hat immer mehr in mir gesehen, als ich es je getan hätte.

Als ich am Ende war, kurz vor dem Exit, startete ich den Blog.
Es gab niemanden mit dem ich über all das reden wollte. Vor meinen Freunden habe ich mich geschämt, mit R. konnte man nicht reden, denn er verstand es einfach nicht. (Oder es war ihm einfach egal..)

Der Exit im März 2013 war für mich wie ein Kick.
In der Notaufnahme war ich endlich sachlich genug um zu merken, dass R. mir nicht guttut. Egal, wie ich ihn idealisierte: Er schadete mir.
Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass der Einzige Mann, dem ich je wichtig war, mein bester Freund war. Und ich mir im Laufe der letzten 10 Jahre mehr als nur ein Mal gewünscht hatte, dass er mehr als das wäre.
Ich wagte den Versuch, ging eine Beziehung mit ihm ein– und es war perfekt!

Dank dieser Beziehung habe ich eine Therapie abgeschlossen, welche mir wiederum zu meinem jetzigen Leben verholfen hat:
Ich studiere Kindheitspädagogik und bin endlich in meinem Traumberuf angekommen. Ich habe die besten Freunde der ganzen Welt:
Die „alte Garde“, die mir teils schon seit 2006 treu ist und trotz aller Ecken und Kanten zu mir steht.
Und seit September die „Mädels“ von der Uni, die einfach genauso durchgedreht und seltsam sind, wie ich.
Ich liebe euch alle über alles!!

Und gestern setzten wir, L. und ich, dem ganzen die Krone auf und besiegelten unsere kleine, perfekte Beziehung mit dem größten und wichtigsten Treueschwur überhaupt:
Wir haben geheiratet!

Nun geht die Reise von vampireofdeath zu Ende.
Ich habe mein Happy End gefunden.
Mit lieben Freunden.
Mit meiner wunderbar abgedrehten Familie.
Mit meinem Studium und dem späteren Beruf.
Mit zwei Katzen, die uns jeden Morgen um 5:00 wach-mauzen.
Und mit dem wunderbarsten Ehemann, den ich mir vorstellen kann.

Das Leben ist endlich so, wie es sein soll: Schön!
— Alicia

_________________________

Vielen Dank an euch, liebe Leser!!
Eure aufbauende Treue und euer Interesse an dem Krankheitsbild Borderline hat mir über die Jahre so viel Kraft gegeben!
Ich bin mir sicher, dass es irgendwann mal jemanden gibt, der sich an meine Geschichte erinnert und merkt, dass es immer (egal wie lange es dauert) aufwärts geht.
Egal wie scheiße es ist, es geht immer irgendwie weiter!

Diesen Blog hier lasse ich offen.
Vielleicht schaue ich in ein paar Jahren mal auf die ersten Posts und kann stolz zurückblicken, dass ich den Kampf gegen die Traurigkeit gewonnen habe.

Vielen Dank für 12000 Views!!

Passt auf euch auf!
:*

„Jekyll & Hyde“.

Kennt ihr das?
Es geht euch rundum prima und plötzlich hört ihr einen Song, der euch daran erinnert, dass es euch nur so gut geht, weil ihr jeden Tag diverse Tabletten in euch reinwerft?

Ein Song der, wie ich finde, meinen Zustand erschreckend treffend beschreibt ist „Jekyll and Hyde“ von der wunderbaren Band Prime Circle.

Ihr wisst bestimmt, dass Jekyll und Hyde eine Geschichte war, die eine gespaltene Persönlichkeit darstellt. Ein Teil ist böse, ein Teil ist gut.
Ziemlich genauso fühle ich mich, wenn ich trotz Medikamenten mal wieder einen „Absturz“ erleide. Und ich werde meinen Mr. Hyde nicht los. Egal, wie oft ich meine Therapiebögen ausfülle. Egal, wie oft ich L. mit meinem Psycho-Gefasel bequatsche. Egal, wie viele neue Freunde ich finde: Mr. Hyde wird immer wieder auftauchen und mir laut ins Ohr schreien, dass alles nur Fassade ist und ich nichts von all dem verdient habe.

„Seems these days I’m terrified
By the darker side of me
Can hear myself so I close my eyes
Can feel it breaking free
This is my Jekyll and Hyde condition
A different person inside to see
Keeps on coming without permission
Why can’t it let me be?“

Die Zeilen sprechen für sich selbst. Mr. Hyde hat zwar in letzter Zeit oft die Klappe gehalten, sodass ich mutig genug war/bin auf neue Leute zuzugehen, mich ihnen sogar zu öffnen UND sogar auch endlich ein selbstbewusstes Verhältnis zu L.s Schwester F. aufzubauen. Trotzdem weiß ich, dass es eine dunkle, kaputte Seite an mir gibt, die ich zwar zur Zeit ganz gut kontrollieren kann, die mich aber noch sehr lange, wenn nicht sogar für immer, begleiten wird.

„I hear it screaming out
I’m behind you
Don’t try to run away 
I’ll find you“

In ziemlich genau einem Monat werde ich heiraten. Ich. ICH(!).
Wie krass das ist. Und wie Mr. Hyde mir die ganze Zeit ins Ohr flüstert, dass L. nur aus Torschlusspanik oder anderen unsinnigen Gründen ‚Ja‘ gesagt hat. Dass ich nur die Lückenbüßerin bin, für jemand anders. Dass er, sollte ich – aus welchen Gründen auch immer – sterben, sofort den Ehering wegwirft und neu beginnt.

Ich kam bisher gut klar mit Mr. Hyde. Ich hatte mich an sein bösartiges Gequatsche gewöhnt. Aber seit ich einige Wochen, Monate in sehr gutem Zustand war, merke ich erst, wie gemein dieser Bastard ist. Wenn er mich aktuell mal überfällt, schmeißt mich das gänzlich über den Haufen. Früher war es nur so: „Tja.“

„It’s getting stronger
Chasing me now“

Zeitweise wird Mr. Hyde echt aufdringlich. Er flüstert mir ins Ohr, dass ich mich nicht so sehr an mein jetziges Leben gewöhnen soll, weil alle die darin eine Rolle spielen, früher oder später merken, dass ich im Grunde ein wertloses Stück Mist bin.

Obwohl ich genau das jeden Tag aufs Neue befürchte, behält Dr. Jekyll die Oberhand. Noch.

-Alicia

„Aber…“.

Ich hoffe es geht euch gut, meine Lieben!
Nach ewiger Abstinenz gibt es endlich mal wieder einen Post.

In letzter Zeit ist mir häufiger aufgefallen, dass man mit mir relativ schlecht diskutieren kann. Vor allem wenn es Themen betrifft, die sich durch die verdammte Krankheit schlimmer darstellen, als sie letztlich wirklich sind.
Beispielsweise habe ich zur Zeit einige schlimme Probleme mit mir selbst und meinem Selbstwertgefühl. Kennt ihr das auch?
Ales was man selber macht, liebt, denkt ist totaler Müll und alle anderen sind super. Es ist so anstrengend und nervtötend, aber ich kann nicht anders.

Wenn zB manche Menschen von ihrem Berufsalltag erzählen. Von Dingen, die eigentlich normal sind in dem Beruf, die sich für mich aber total aufregend und speziell anhören. Und ich sitze dann da, höre mir das an und denke: „Toll. Und was machst DU?“ Ich finde einfach alles, was andere machen und erzählen total klasse und wertvoll. Leider kann ich an meinem alten und (bald) neuen Beruf überhaupt nichts cooles und spezielles finden.
Während andere im Büro Buchhaltung machen, im Krankenhaus Wunden behandeln oder Blut abnehmen oder Tiere im Zoo pflegen werde ich in Zukunft Kinderlieder singen, Spiele spielen und Elterngespräche führen. Wow. Amaze.

Nun zum eigentlichen Punkt und Thema des Beitrags (ich merke, das wird heut eine längere Kiste. Es tut mir leid..)
Wenn nun jemand versucht, mir vor Augen zu führen, dass Pädagogen auch wichtig seien und dass die Arbeit mit Kindern auch etwas besonderes ist, fällt meinem Hirn zu jedem Argument ein „aber..“ ein.

Es scheint, als würde es verhindern wollen, dass ich mich selbst wertschätze. Gut, ich sehe auch keinen Grund, warum ich mich wertschätzen sollte, aber nach mittlerweile einer abgeschlossenen Therapie und einem Jahr Antidepressiva sollte sich der Schalter im Kopf doch langsam mal umlegen, oder?
Nein. Stattdessen mache ich meine Umwelt wütend damit, dass ich immer gegenanmeckere, wenn sie versucht positiv auf mich einzuwirken. (Es sagt zwar jeder, dass es okay ist und sie nicht wütend sind, aber man weiß ja nie..)
Das Schlimme ist, dass ich einfach nicht damit aufhören kann, mich ständig mit anderen zu vergleichen. Denn eigentlich bin ich ja schon ganz okay so wie ich bin, ABER ich wäre gerne wie jemand anders.

Selbst wenn ich mal Tage habe (sie sind selten, aber es gibt sie!) an denen ich zufrieden mit mir und meinem Leben bin, brauche ich nur irgendwas hören/sehen/mitbekommen von Menschen, die ich mag und schon stelle ich mich wieder komplett in Frage. Weil ich nicht die Sprachen kann, die jemand anders kann. Weil ich dicker bin. Weil meine Haare kürzer sind. Weil ich nicht so witzig bin wie andere. Mir fallen dann tausend Sachen ein, die an mir scheiße sind, obwohl sie es vielleicht gar nicht sind.
ABER…

Es ist ein widerlicher Kreislauf. Es passiert jeden Tag mindestens ein Mal.
Eigentlich hat mir meine Therapeutin viele Instrumente an die Hand gegeben, mit denen ich das in den Griff kriegen könnte.
ABER…

Ich komme gut durchs Leben mittlerweile. Ich könnte eigentlich zufrieden sein.
ABER…

Aber…. Ich hasse es.

– Alicia